Podium Jüngster Autoren – Rückblick
Die Leipziger Buchmesse vom 16. bis 19. März 2006 war von vielen Höhepunkten geprägt – Haus Steinstraße e.V. organisierte erstmalig in Kooperation mit der Leipziger Messe das Podium Jüngster Autoren. Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Teilen der Bunderepublik waren mit ihren ausgewählten Texten zu Gast, Lesungen, Podiumsdiskussionen und Workshops bildeten ein abwechslungsreiches Programm. Unser Messetagebuch ...
"Messetagebuch" zur Leipziger Buchmesse vom 16. bis 19. März 2006
Mittwoch, 15.03.2006
Alles fing am Mittwoch mit dem Aufbau der Messestände an. Dabei war das Haus Steinstraße in gleich zwei Hallen vertreten. Den Hauptstand fanden Neugierige in der Halle 2. Den zweiten Stand konnten Interessierte in der Halle 5 begutachten.
Donnerstag, 16.03.2006
Auch wenn mit der Podiumsdiskussion gegen 13:30 Uhr die Veranstaltungen vom Haus Steinstraße e.V. offiziell eröffnet wurden, konnten Besucher bereits ab 10 Uhr verschiedene Workshopangebote in der Halle 2 nutzen. Während sich die kleineren Gäste am Drucken mit Buchstaben oder an der Druckpresse ausprobieren konnten, gaben Albrecht Köllner und Thomas Siemon von der sirius graphic corporation und edition carpe plumbum Einblicke in das Handwerk des Buchdrucks, der Buchherstellung oder auch der Typographie.
Erfahrungsbericht Podiumsdiskussion
Die Diskussion stand im Zeichen des Büchermachens. Unter anderem wurde diskutiert, wie wichtig das Büchermachen und die künstlerisch-handwerkliche Ausbildung als Kompetenzerwerb für Kinder und Jugendliche sind. Des Weiteren wurde das von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung geförderte Projekt „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“ vorgestellt. Im Anschluss daran wurde die Kooperation zwischen Schulen und freien Trägern thematisiert.
Für die Diskussion konnten unter anderem der Oberbürgermeister Burkhard Jung, der Beigeordnete des Dezernats für Kultur, Dr. Georg Girardet, Volker Schmidt von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung sowie die beiden Geschäftsführerinnen aus dem Haus Steinstraße e.V. und des Freundeskreis Buchkinder e.V., Ulrike Bernard und Birgit Schulze-Wehninck, gewonnen werden. In der von Volker Pankrath moderierten Diskussion wurden interessante und wichtige Positionen vertreten.
Ulrike Bernard und Birgit Schulze-Wehninck stellten deutlich den Standpunkt der freien Träger dar. Aus ihrer Sicht ist sehr viel Potenzial bei den Kindern und Jugendlichen sowohl auf dem Gebiet des kreativen Schreibens als auch bei der Herstellung von Büchern vorhanden. Um dieses zu fördern, muss aus ihrer Sicht die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen auf einem sicheren personellen und finanziellen Fundament gegründet sein, welches im Moment noch nicht gegeben ist. Wechselndes Personal und unsichere Finanzierungslagen erschweren kontinuierliches Arbeiten mit den Kindern und Jugendlichen.
Das diese Forderungen begründet sind, zeigen die Erfolge beider Vereine. Der Verein Haus Steinstraße hat sich einen Namen über die Grenzen Sachsens gemacht und seine Kinder- und Jugendbücher sind bei Kunstbuchsammler aus ganz Deutschland bekannt und beliebt. Der Freundeskreis Buchkinder e.V. ist in diesem Jahr in die engere Auswahl beim Wettbewerb „start social“ gekommen, ein bundesweiter Wettbewerb für soziale Ideen und Projekte.
Volker Schmidt bekräftigte diesen Standpunkt und führte an, dass das laufende Projekt „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“ eine Möglichkeit bietet, dieses Potenzial zu fördern und betonte, dass gerade in der Kooperation zwischen Ganztagsschulen und freien Trägern eine wichtige Chance für beide Seiten besteht. Burkhard Jung, selbst jahrelang Lehrer, bejahte ebenfalls die Aussage, dass das Potenzial in Leipzig vorhanden ist und fügte hinzu, dass dies aber auch bei Kindern und Jugendlichen in den Schulen vorhanden ist und dieses zu kombinieren, sei ein wichtiges Anliegen auch seitens der Politik. Allerdings ließe der Finanztopf der Stadt dieses nur sehr begrenzt zu und ohne eine sichere Finanzierung sei das Fundament sehr bröckelig. Dr. Georg Girardet konnte diesem aus Sicht des Dezernats für Kultur nur zustimmen.
Zusammenfassend konnte man sich darauf einigen, dass ein sicheres finanzielles und personelles Fundament das wichtigste Ziel für die Zukunft sein muss. Des Weiteren muss die Kooperation zwischen Schulen und freien Trägern vermehrt gefördert werden, sowie die Zusammenarbeit unter den freien Trägern verstärkt werden.
Freitag, 17.03.2006
Der Freitag stand ganz im Zeichen der Chameleons und der Bleiläuse. Schließlich hatten sich die Macher der Chameleon ja nicht umsonst Tag und Nacht um die Ohren geschlagen und bis zum Schluss am Feinschliff der 3. Ausgabe mit dem Titel „Fundamental“ gearbeitet.
Um 14:30 Uhr war es dann soweit. Im Lese-Treff fand die Präsentation der neuen Chameleon statt und anfängliche Nervosität kehrte sich schnell in Routine um.
Den zweiten Veranstaltungsteil nahmen dann die Bleiläuse in die Hand, junge Nachwuchsautoren die sich beim Vorlesen Ihrer Geschichten durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen ließen. Die Bleiläuse zeigten ihren Gästen, wie sie ihre Geschichten aufs Papier gebracht haben. Da musste auch Grafiker Thomas Müller staunen, der zusammen mit Susann Hoch die Veranstaltung moderierte. Um keine Antwort waren die Bleiläuse verlegen. Wer dieses nicht gesehen hat, hat wirklich etwas verpasst. Der Geruch des Bratwurstschweins liegt bestimmt immer noch in der Luft, mhhh, lecker.
Samstag, 18.03.2006
Standen die beiden letzten Tage bereits unter dem Motto Podium Jüngster Autoren, sollte dieses natürlich auch am Samstag nahtlos fortgeführt werden. Dazu ließ sich das Haus Steinstraße etwas Besonderes einfallen. Im Vorfeld startete der Verein einen bundesweiten Wettbewerb, in dem junge Autoren aus ganz Deutschland ihre Texte einsenden konnten. Nachdem eine Fachjury die Besten ausgesucht hatte, war es nun an der Zeit, die Geschichten auch vorzulesen.
Vier Autoren, die das Haus eingeladen hatte, stellten ihre Texte einem großen Publikum vor. Der Lese-Treff platzte nahezu aus allen Nähten. Das blieb auch dem MDR nicht verborgen, der es sich nicht nehmen ließ, ein paar Exklusivbilder sowie einige O-Töne zu sammeln. Ob nun Geister, Märchen oder auch eine Krimigeschichte, die jungen Autoren ließen die Ohren ihrer Zuhörer merklich spitzer werden. Dies konnte auch Jan Flieger feststellen, der als Pate unsere Gäste unterstützte und Teile ihrer Geschichten vorlas. Eines steht auf jeden Fall fest: Er hat Konkurrenz bekommen.
Dabei ließen sich Mahtabi und Nabila Jalil, Benedikt Kau und Rimma Minakova nichts von ihrer anfänglichen Aufgeregtheit anmerken und boten einen sicheren Auftritt. Den Abschluss machten Franz und Franziskus aus dem Bleilaus-Verlag, die mit einem Auszug aus ihrem Buch „Shangs Reise“ die Zuhörer ins ferne Asien entführten. Für einen visuellen Leckerbissen sorgte nicht nur eine Präsentation von ausgewählten Bildern ihres Buches, sondern ebenfalls die Impro-Theatergruppe Fallobst. Die von Esther Langnäse betreute Theatergruppe spielte wortlos und nur durch Bewegungen in Szene gesetzt, die gelesenen Geschichten nach. Dabei mixten sie zum Teil Einstudiertes mit Improvisation und boten eine willkommene Abwechslung zu dem sonstigen Ablauf einer Lesung. Die Eltern der Autoren drückten ihre Begeisterung durch ein nicht enden wollendes Blitzlichtgewitter ihrer Kameras aus. Einigen merkte man die Anspannung deutlich an, gerade so, als ob sie selbst auf dem Podium sitzen würden. Handsignierte Bücher von Jan Flieger für die jungen Autoren waren die verdiente Belohnung für eine gelungene Veranstaltung.
Sonntag, 19.03.2006
Das Podium Jüngster Autoren zeigte an diesem Sonntag noch einmal deutlich das hohe Potenzial, welches die Veranstaltung für die nächsten Buchmessen mit sich bringt und allein schon aus diesem Grund in den nächsten Jahren wiederholt werden muss.
Um 13 Uhr startete die Veranstaltung "Der Springbrunnen in meinem Kopf" in der Lesebude 2. Die Veranstaltung war zudem die Fortsetzung der Lesung "Ich denke was, was du nicht denkst" vom vorherigen Tag. Nur das die Autoren diesmal älter waren als die vier Autoren vom Vortag. Dies spiegelte sich auch in den Inhalten ihrer Texte wieder. Durch Zufall wurde die Themen Trauer und Tod bei allen drei Autorinnen in das Zentrum ihrer Geschichten gerückt. Jens Reinländer, selbst Autor und Pate bei dieser Veranstaltung, fand bei der Besprechung der Texte die richtigen Worte und gab den Autorinnen Katrin Ziser, Katharina Stegen und Sarah Heuberger dadurch die nötige Sicherheit auf der Bühne. Die ganze Veranstaltung wurde durch eine wahrlich musikalische Darbietung von Lars Schubert (der Bärenmacher) und Chris Schlag abgerundet, die mit Digeridoo und Percussions dafür sorgten, dass viele Besucher einen Abstecher in die Lesebude 2 machten.
Die mitgereisten Eltern waren begeistert und sahen in der Veranstaltung jede Menge Motivation für ihre Kinder zukünftig weiter zu schreiben.
Um 15 Uhr begann die Abschlussveranstaltung, in der zum einen der Gewinner des Kurzgeschichtenwettbewerbs gekürt wurde. Zum anderen sollte noch einmal diskutiert werden: Zeitgenössische Literatur im Schulunterricht und die (Un)-Lust am Schreiben standen auf der Tagesordnung.
Dazu konnte das Haus Steinstraße Gregor Tessnow gewinnen, der aktuell mit seinem von Detlef Buck verfilmten Buch „Knallhart“ für Aufsehen sorgt. Des Weiteren saßen auf dem Podium die Deutschlehrerin Frau Theileis von der Thomas-Schule aus Leipzig, drei Chameleons, der Preisträger Christian Treffler sowie Jürgen Schulz von der Sächsischen Akademie für Lehrerfortbildung. Die Zeit von einer Stunde – so viel sei vorweg gesagt – war eigentlich viel zu kurz und die Diskussion, die mehr als lebhaft war, hätte mühelos die 2-Stunden-Marke überschreiten können. Wesentliche Probleme, die aus Sicht der Schüler der Deutschunterricht in sich birgt, wurden thematisiert und zum Teil auch von Gregor Tessnow und Jürgen Schulz bestätigt. Selbst Frau Theileis stimmte bei einigen Argumenten zu. So war auch sie sich mit den Schülern darüber einig, dass es zu wenig aktuelle Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht gibt. Auf der anderen Seite stellte sie deutlich heraus, dass die Schulen an viele Vorgaben des Lehrplans gebunden sind und somit auch der Spielraum der Lehrer begrenzt ist. Dieses wollten die Schüler so nicht akzeptieren und konterten ihrerseits damit, dass dadurch die Lust am Lesen verschwindet, weil Literatur im Schulunterricht, egal ob klassisch oder modern, zu langweilig verarbeitet wird. Das bloße Interpretieren von Texten dient nicht der Kreativität beim Lese- und Schreibprozess und eine Verknüpfung mit Theater oder Musik wäre eine willkommene Alternative zum bisherigen Deutschunterricht. Dass der Deutschunterricht es allgemein nicht schafft, Menschen zum Schreiben anzuregen, zeigte die Aussage von Gregor Tessnow. Er fand den Deutschunterricht in der Schule einfach „Scheiße“. Ob er mit seiner Meinung den Zeitgeist trifft – es schien fast so. Der Zustimmung von Christian Treffler und den Chameleons konnte er sich auf jeden Fall sicher sein. Es wurde aber vor allem deutlich, dass das Thema Anlass zur Diskussion gibt. Vielleicht wird dieses im nächsten Jahr noch einmal aufgegriffen, aber bis dahin vergeht noch viel Zeit. Es war eine gelungene Abschlussveranstaltung, was auch alle Beteiligten bestätigen konnten.
Damit konnte die Buchmesse aus Sicht der Steinstraßen-Crew enden, die Erschöpfung der vergangenen Tage stand allen ins Gesicht geschrieben. Wir freuen uns schon wieder auf das nächste Jahr und bereits jetzt laufen die Planungen für 2007 auf Hochtouren.
Bleilaus Verlag
22.03.06, Susann Hoch
Link
0