Ideen für mehr! Ganztägig lernen.

Im Rahmen des Programms „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung fanden im Schuljahr 2006/2007 zwei Projekte mit körperbehinderten Kindern der Albert-Schweitzer-Schule und nichtbehinderten Kindern der Marienbrunner Grundschule statt.

Projektauswertung „An der Märchenwiese“
Zeitraum:13.11. – 16.11.2006 und 23. – 24. 04.2007
Beteiligte: Schüler der Albert-Schweitzer-Schule und der Marienbrunner Grundschule
Ziel: Körperbehinderte und nicht behinderte Kinder zweier Schulen (Albert-Schweitzer-Schule und Marienbrunner Grundschule, Leipzig) arbeiten zu einem Thema und fertigen ein gemeinsames Buch
Ablauf: Die thematische Vorbereitung fand gemeinsam mit beiden Klassenleiterinnen und den Projektleiterinnen statt. Die Kinder und die beteiligten Erwachsenen kannten sich bereits vom gemeinsam durchgeführten Buchprojekt „Der Tag, an dem alles wie im Traum war“ im vergangenen Jahr. Um die Namenskenntnis untereinander aufzufrischen, fand eingangs ein lockeres gegenseitiges Vorstellen in großer Runde statt. Dem Thema „Märchen“ wurde sich auf spielerische, ungezwungene Weise genähert, wobei die Vorbereitung im Unterricht (Märchen lesen) durch die Lehrerinnen hilfreich war.
Da die Kinder sich bereits aus o. g. Buchprojekt kannten, hatten sie keinerlei Berührungsängste untereinander und gingen sehr natürlich miteinander um.
Jedes Kind schrieb ein eigenes Märchen mit der Besonderheit, dass dieses im modernen Lebensumfeld spielt bzw. Elemente aus diesem verwendet wurden. Die Überschriften zu den einzelnen Geschichten wurden von den Kindern selbst im Bleisatz gesetzt. Die Texte wurden handschriftlich, am Computer oder der Schreibmaschine geschrieben. Aus Tonpapieren, Zeitungspapier, Filz u. a. wurden die Illustrationen als Collagen gefertigt. Dazu wurden die Kinder vorher mit ausgewählten Scherenschnitten von Henri Matisse bekannt gemacht.
Im zweiten Teil des Projektes im April fand zunächst ein Märchenrätsel-Geländespiel durch das Wohnviertel Märchenwiese statt. Ziel war, den Kindern ihr Wohnumfeld näher zu bringen und sie zur aufmerksameren Wahrnehmung von Vorgängen in ihrer Umwelt zu sensibilisieren. Besonders beim Geländespiel durch das Wohnviertel Märchenwiese war eine selbstverständliche Hilfsbereitschaft seitens der Schüler der Marienbrunner Grundschule gegenüber den körperbehinderten Schülern der Albert-Schweitzer-Schule zu beobachten.
Anschließend erfolgte die individuelle Buchumschlaggestaltung unter Verwendung einer gezeichneten Stadtplanvorlage des Wohnviertels. Das entstandene Buchmaterial wird jetzt in einer Auflage gedruckt. Anschließend ist eine gemeinsame Lesung für die vorletzte Schulwoche geplant. Sie wird in der Albert-Schweitzer-Schule stattfinden mit Zuhörern aus beiden Schulen und dem angrenzenden Kindergarten.
Auswertung: Alle Kinder konnten entsprechend ihrer individuellen Möglichkeiten arbeiten und waren ins Projekt integriert. Die Kinder waren dabei weder über- noch unterfordert – sowohl die körperbehinderten als auch die nicht behinderten profitierten vom gemeinsamen Arbeiten. Die Lehrerinnen planen, auch nach dem bevorstehenden Klassenwechsel weiterhin gemeinsame Buchprojekte durchzuführen. Die Kinder waren im Umgang miteinander durch das wiederholte gemeinsame Arbeiten sehr unkompliziert und offen, die gemeinsame Arbeit machte ihnen viel Spaß. Bereits im vergangenen Jahr entstandene Freundschaften wurden vertieft. Ein Gefühl für Formenentwicklung und Farbgestaltung beim Zusammenfügen einzelner kleiner Teile zu einem großen Bild wurde besonders beim Collagen kleben gefördert. Einige Kinder lernten die für sie neue Technik des Bleisatzes und des Collagen klebens.
Projektdokumentation: Fotos und das Buch „Auf der Märchenwiese“.

Projektauswertung „Ein Tag im Praktikum“
Zeitraum: 04., 05., 07. und 12.06.2007
Beteiligte: Schüler der Albert-Schweitzer-Schule
Ziel: Körperbehinderte Jugendliche mit zusätzlicher Lernbehinderung fertigen zu ihrem im April absolvierten Praktikum einen Text mit Illustrationen an und gestalten damit ein Leporello. Einbezogen werden sollten verschiedene manuelle und handwerklich-künstlerische Tätigkeiten wie Handsatz, Hochdruck, Linolschnitt und Zeichnung.
Ablauf: Die thematische Vorbereitung fand gemeinsam mit der Klassenleiterin und 2 Projektmitarbeitern statt, wobei das Thema durch das absolvierte Praktikum vorgegeben war. Die Klassenleiterin betonte, dass die Jugendlichen eine klare Ansprache und kleinschrittige Führung benötigen.
Die Jugendlichen waren von Anfang an mit Aufmerksamkeit, viel Freude und Fleiß dabei und waren sehr vielfältig gefordert. Die Texte lagen weitgehend fertig vor, mussten z.T. noch einmal mit den Jugendlichen korrigiert werden. Dann setzten sie ihre Texte im Bleisatz, was eine besondere Herausforderung bedeutete. Die Jugendlichen gingen dabei in stark unterschiedlichem Tempo, aber mit fast ausschließlich sehr hoher Motivation vor. Jeder Schüler fertigte außerdem eigene Linoldrucke an und gestaltete seinen Bucheinband mit Holzbuchstaben und ausgewählten Motiven selbst.
Auswertung: Alle Jugendlichen konnten entsprechend ihrer individuellen Möglichkeiten und Erfahrungen arbeiten und waren ins Projekt bis zum Ende integriert. Sie erlernten neue Techniken (Bleisatz, Linolschnitt). Besonders gefiel es ihnen, den Bleisatz auszuprobieren. Diese handwerklich anspruchsvolle Arbeit bereitete zwar Mühe, brachte ihnen jedoch große Erfolgserlebnisse, durch die sie hinsichtlich Ausdauer und Geschicklichkeit bestätigt wurden. Das Herstellen und Drucken der Linolschnitte förderte die Kreativität und das Farbgefühl. Zum Ende der gemeinsamen Arbeitstage wurden die Jugendlichen und die Lehrerinnen zu ihren Erfahrungen befragt (siehe unten). Dabei wurde mehrfach betont, wie motiviert und geschickt die Schüler gearbeitet haben und zwar auch jene, denen es im Vorfeld gar nicht zugetraut wurde.
Weitere Treffen sowie ein neues und umfangreicheres Projekt für das neue Schuljahr wurden bereits fest vereinbart.
Projektdokumentation: Fotos und Praktikumsberichte, Interviews

Statements der Beteiligten:

Frau Schubert, Lehrerin für Chemie und Biologie an der Albert-Schweizer-Schule (hat eine Förderstunde in der Klasse L8):
„Das Projekt fordert von den Schülern eine hohe Konzentrationsfähigkeit und vor allem auch ein völlig anderes Denken. Das finde ich sehr interessant an der Sache. Und dass das die Schüler der Lernförderschule schaffen, finde ich ganz toll! Es hebt ihr Selbstwertgefühl, wenn sie merken: ich kann das. Und wenn wir uns dann sogar noch darum „streiten“, wie rum der Buchstabe gesetzt werden muss und der Schüler merkt, dass der Lehrer auch nicht alles kann, das finde ich schon ganz gut.“
Frau Schubert merkt außerdem an, dass sie große Probleme sieht, solcherart Projekte in der Mittelschule unterzubringen, da die Lehr- und Prüfungspläne so „voll“ seien. Eine inhaltliche Anbindung solcher Projekte könnte sie sich in den Bereichen Deutsch, Geschichte, Kunst und Musik vorstellen. Im Lernförderteil seien die Grenzen da wesentlich fließender und Projektarbeit ein ganz wesentlicher Schwerpunkt der Arbeit.

David, 16 Jahre, Klasse L8:
„Ich habe viele Linolschnitte gemacht mit vielen Bildern. Dann habe ich gedruckt. Und natürlich meine Buchstaben für meinen Text gesetzt. Alles in allem hat es mir eigentlich sehr viel Spaß gemacht. Das mit den Linolschnitten fand ich am besten, das hatte ich auch noch nie gemacht. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich bin froh, dass ich es hinter mir habe. Es war ziemlich schwierig und zeitaufwändig.“
(Auf die Frage, ob er Lust hätte, mit Jugendlichen einer anderen Schule was zusammen zu machen) „Eher weniger.“

Janine, 16 Jahre, Klasse L8:
„Meine liebste Tätigkeit bei diesem Projekt war, dass ich selber setzen durfte. Und was mir noch gefallen hat, war das Drucken und wo man das selber ausschneiden durfte - diesen Linolschnitt. Eigentlich hat mir alles hier unten gefallen. Meine Lehrerin war hier unten auch anders. Sie hat nicht so rumgemeckert wie oben. Ich kann mir vorstellen, dass sie oben viel mehr Stress hat, weil wir öfter was vergessen oder nicht zuhören. Ich denke, dass sie das nicht ohne Grund macht. Ich würde schon gern wieder mal so ein Projekt machen. Ich würde gern mal ausprobieren, 2 oder 3 Texte zu setzen oder auch ein Plakat zu machen. Das habe ich früher in meiner alten Schule auch gemacht, so Plakate für Geburtstagsfeiern und Feste und so...“

Patrick, 16 Jahre, Klasse L8:
„Das mit dem Setzen hat mir besonders Spaß gemacht. Und die Lehrer waren hier unten auch nicht so streng. Weil es hier auch nicht so anstrengend ist. Also das Projekt hat mir wirklich gut gefallen!“

Frau Eggert, Klassenlehrerin der L8:
„Die Vorbereitung der Texte für das Projekt hat mir zunächst Sorgen bereitet – vom Aufbau her, inhaltlich und orthografisch. Aber ich muss sagen, es war eigentlich ganz gut, was die Schüler von sich aus gebracht haben. Ich hätte nicht gedacht, dass es doch so gut wird, dass sie mit ihrer halben Seite so zurecht kommen ... Dadurch, dass die Schüler konzentriert und viel manuell gearbeitet haben, waren sie überhaupt viel aufmerksamer, würde ich sagen. Dazu hat natürlich die Abwechslung in den einzelnen Tätigkeiten sehr beigetragen: setzen, zeichnen, schneiden, drucken, stempeln ... das hat auch für die motorischen Fähigkeiten etliches gebracht. Das war wie eine Art Ergotherapie. Vom Lehrplan her, wenn man es geschickt anstellt und entsprechende Themen wählt, ließe sich das garantiert auch in der Form wiederholen. Ich habe 22 Stunden in der Klasse, mehrere Unterrichtsfächer, ich kann da immer was „hin- und herschieben“. Ich habe das Projekt jetzt fächerübergreifend eingebaut: Deutsch, Kunsterziehung, teilweise auch Mathe – wo wir diese Elemente der Reihung einbezogen haben, die Renate so schön vorbereitet hat – und eigentlich ja auch Fördern: Konzentrationsübungen, Feinmotorik usw.
Mit der Zusammenarbeit mit Ihnen bin ich voll und ganz zufrieden. Sie sind sehr gut auf die Schüler eingegangen, Sie sind sehr ruhig gewesen, das Ganze ging ohne Hektik ab, obwohl es ja manchmal auch schwer war zu koordinieren. Da kann ich mich überhaupt nicht beklagen. Ich werde mir jetzt mal ansehen, was für die 9. Klasse dann im Lehrplan ansteht. Da kommt dann z.B. das große Thema „Berufswelt“...“

Und erste Pläne für ein nächstes Projekt entstehen....

Anja, 16 Jahre, Klasse L8:
„Mir hat vor allem das Drucken am Projekt gefallen. Das Setzen hat mir auch Spaß gemacht. Das ist auch ein gutes Gefühl jetzt, weil mir meine Lehrerin das Setzen gar nicht zugetraut hat. Aber sie war hier netter als sonst. Weil hier auch andere Leute da waren.“
Anja hätte auch Lust, mal den Kunstunterricht unten im Atelier an der Staffelei zu machen.

Tom, 16 Jahre, Klasse L8:
„Das Setzen war schön, weil es mal was andres ist, was man so nicht kennt. Schreiben tue ich eigentlich ganz gerne, nur lesen nicht. Mit der Klasse war es im Projekt bisschen besser als sonst, wir haben uns weniger gestritten. Und unsere Lehrerin hat nicht so viel gesagt wie sonst.“ Tom würde gern im Atelier noch mehr ausprobieren, mehr Techniken und so.

Fadi, 17, Klasse L8:
(spricht ca. seit 8 Jahren deutsch, aber zumindest im Projekt in meist unvollständigen Sätzen) Das Projekt hat ihm Spaß gemacht. Besonders hat ihm „die Arbeit“ gefallen, er meinte besonders das Setzen, das er zum ersten Mal gemacht hat. Fadi würde sich auch auf Zeichenprojekte gern einlassen. Auch er empfindet einen Unterschied im Miteinander von Lehrern und Schülern zwischen „Projekt“ und „Unterricht“. Er betont, das Projekt sei für ihn interessant gewesen.


TraumtageFoto.jpgDas Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung wird fortgesetzt und damit auch das „Themenatelier Literatur“.
Im Schuljahr 2006/07 wollen wir gemeinsam mit unserem Kooperationspartner, der Albert-Schweitzer-Schule, unsere Buchprojekte mit körperbehinderten und nicht behinderten Kindern fortsetzen. Zugleich wollen wir die strukturellen Bedingungen und die Qualität unserer Kooperation verbessern. Dies wird auch Thema auf der Leipziger Buchmesse sein.

Projektauswertung
27.3. – 30.3.2006 / 11.7. / 14.7.2006
24. –27.4.2006 / 11.7. und 20.7.2006

Ablauf: Die thematische Vorbereitung fand jeweils gemeinsam mit den Klassenleiterinnen und der Projektleiterin statt. Die Kinder und die beteiligten Erwachsenen lernten sich in lockeren Gesprächen kennen und stellten dann einander in großer Runde vor. Jedes Kind schrieb einen eigenen Text und fertigte einen eigenen Holzschnitt an, die Texte wurden handschriftlich, an Schreibmaschinen, am Computer oder mit Bleisatz umgesetzt und gestaltet. Gemeinsame Pausen ermöglichten den Kindern einen Austausch ohne Erwachsene, was insbesondere für die Kinder der Albert-Schweitzer-Schule eher eine Ausnahmesituation war. Eine Hausführung durch die Förderschule gab einen Einblick in das besondere Lebensumfeld der behinderten Kinder. Nachdem alle Kinder ihre eigenen Buchexemplare von Hand selbst genäht hatten, trafen sie sich zu einer gemeinsamen „Freiluftlesung“.
Auswertung: Alle Kinder konnten entsprechend ihrer individuellen Möglichkeiten arbeiten und waren ins Projekt integriert. Die Kinder waren dabei weder über- noch unterfordert – sowohl die körperbehinderten als auch die nicht behinderten profitierten vom gemeinsamen Arbeiten. Die Lehrerinnen tauschten sich aus und wollen über das Projekt hinaus in Kontakt bleiben. Die Kinder gingen aufeinander zu, arbeiteten und hatten Spaß miteinander. Die Kinder lernten neue Techniken kennen wie den Bleisatz und den Holzschnitt und schätzten besonders die Schreibmaschine.
Dokumentation: Fotos, Interviews, ein Film und die Bücher „Der Tag, an dem alles wie im Traum war“ und „Tote leben immer“.
Tote leben immer.jpg Traumbuch.jpg

blogBleilaus Verlag author01.01.06, Susann Hoch dateLink

Projekte des Bleilausverlags